Lesen von Anfang an

Kinderlesung im Gras

Mein Konzept

Lesen lehren

In der Leseerziehung habe ich gelernt, mich an dem zu orientieren, was ich von früh lesenden Kindern weiß. Sie durchlaufen zahlreiche Entwicklungsschritte, bevor sie sich für Buchstaben interessieren.

 

Erst, wenn sie „so weit“ sind, können sie sich Buchstaben merken, ihnen Laute zuordnen. Und erst, wenn sie ein ziemlich großes Buchstabenwissen haben, verstehen sie, wie das Zusammenlauten funktioniert.

 

Das bedeutet, dass viel Geduld notwendig ist, bis manches Kind diese Technik zu erlernen imstande ist.

Leseerziehung

Lautieren lernen - Sichtwortschatz aufbauen

Zusammenlauten ist nur ein kleiner Teil der Lesefertigkeit. Wir lehren die Kinder zu buchstabieren. Wenn ein Kind das kann, wissen wir, dass es eine gute, sichere Buchstaben-Laut-Verbindung aufgebaut hat, das heißt, einzelnen Buchstaben schnell seinen Laut bzw. seine Laute zuordnen kann. Mit dieser Fertigkeit kann es einzelne Wörter und kurze Sätze erlesen.

 

Einen etwas komplexeren Text lesen kann es aber damit noch nicht, denn das Buchstabieren ist dafür zu langsam. Obwohl wir also anfangs das Kind lehren, Laute miteinander zu verbinden, ist das eigentliche Ziel der Leseerziehung, dass das Kind das Lautieren so bald wie möglich nicht mehr braucht. Ab der dritten Klasse sollte es etwa Sätze wie die folgenden ohne Mühe lesen können:

Kinder lesen im Freien

Heetu ist ein sher schneör Frnhüligtsag. Die Snnoe schinet, es ist agneenhm wram.

Um dorthin zu gelangen, ist der Weg noch weit.

Zuerst muss das Kind Buchstaben und Laute kennen lernen. Erst wenn das Buchstabenwissen recht umfangreich ist, kann es sich die Fähigkeit erwerben, zwei Laute, später mehr, zusammenzuziehen. Manche Kinder brauchen einige Monate, bis es so weit ist. Um die Voraussetzungen für die Buchstaben-Laut-Beziehung zu schaffen, muss mit diesen Kindern kontinuierlich an der phonologischen Bewusstheit gearbeitet werden.

2021-MarleneWalter-009.jpg

Lesen auch beim Schreiben

Lesen eigener Texte von Anfang an
 

Mit meinem individuellen Schreibansatz habe ich es leicht, dafür die Geduld aufzubringen. Die Kinder in meinen Klassen „lesen“ nämlich vom ersten Schultag an. Sie lesen, was sie selber geschrieben haben – und das können alle Kinder.

 

Auch ein Kind, das keinen einzigen Buchstaben benennen kann, „liest“ seinen eigenen Text: Es ruft die Wörter als Ganzes ab und versteht den Sinn dieses Wortes. Indem es täglich Wichtiges über sich aufschreibt, schafft sich jedes Kind seinen täglichen Lesetext. Dabei prägt es sich die gelernten Wörter als „Sichtwortschatz“ immer besser ein.

Damit erfolgt der Erstleseunterricht auf zwei parallelen Schienen:

Erstleseunterricht

Schiene 1  - Buchstaben
 

Buchstaben und Laute werden langsam gelernt, nicht mehr als höchstens einer pro Woche.

 

  • Hat ein Kind Schwierigkeiten, sich die Buchstaben zu merken, bekommt es Buchstabenkärtchen. Auf jedem Kärtchen steht ein Buchstabe, groß oder klein. Während der Lesezeiten in der Schule „arbeitet“ es mit diesen Kärtchen. Ziel ist, dass es beim Benennen der gelernten Buchstaben immer schneller und sicherer wird.

Für LehrerInnen 9.jpg
  • Kinder, die in ihrer Entwicklung weiter sind bzw. schon vor Schuleintritt viele Buchstaben kannten, konzentrieren sich bei der Erarbeitung auf die Schreibrichtung, auf das Erlernen des dazugehörigen Kleinbuchstabens, auf saubere Schreibweise. Zeigt ein Kind bereits Ansätze zur Lautierfähigkeit, arbeitet es mit einsilbigen Pseudowörtern, die es ihm ermöglichen, diese neue Fertigkeit auszuprobieren:

Für LehrerInnen 11.jpg

Erstleseunterricht

Schiene 2 - Sichtwortschatz
 

Daneben wird von Anfang an

am Sichtwortschatz gearbeitet.

Alle Wörter, die die Kinder langsam erlernen – nicht mehr als eines pro Woche – sollen sie auch schnell abrufen können. Sie sollen sie überall

„auf einen Blick“ erkennen.


Wenn die Kinder jedes gelernte Wort beim Schreiben täglich anwenden, es daher auch täglich vorlesen, prägen sie es sich bald ein. Sie können es im Heft, an der Tafel, auf einem Plakat, in Büchern sofort erkennen.

 

Haben einzelne Kinder eine weniger gut entwickelte Merkfähigkeit oder sollen sie am schnellen Benennen arbeiten, bekommen sie diese Wörter als Wortkärtchen zum zusätzlichen „Blitzlesen-Spielen“ geboten:

Für LehrerInnen 10.jpg

Schnelles Benennen (rapid automatized naming, RAN) ist ein wesentlicher Faktor für das Erreichen von Textkompetenz. Eine Sinneinheit muss nämlich innerhalb von etwa zwei Sekunden erfasst werden, da die Speicherkapazität unseres Kurzzeitgedächtnis begrenzt ist. Buchstabierendes Lesen ist dafür zu langsam.
 

Wenn unsere Kinder zu kompetenten Leserinnen und Lesern heranwachsen sollen, brauchen sie einen umfangreichen Sichtwortschatz. Von Anfang an neben Buchstaben und Lauten zugleich am Sichtwortschatz zu arbeiten gibt nicht nur so manchem Kind mehr Zeit, die phonologische Bewusstheit nachzuholen – es unterstützt alle Kinder auch dabei, zum individuell frühestmöglichen Zeitpunkt Lesekompetenz zu erreichen.
 

Mädchen auf Zug

Ein motivierender Erstleseunterricht, der alle Entwicklungsstufen unserer Erstklassler umfasst und jedes einzelne Kind erreicht, sollte daher auf diesen beiden parallelen Schienen laufen.

Lesezeiten

paarweise oder einzeln
 

Kinder beschäftigen sich daher in den Lesezeiten (anfangs einige Minuten, später länger)

paarweise mit

  • Einander-Vorlesen aus ihren Heften,

  • „Blitzlese-Spielen“ mit Einzelbuchstaben,

  • „Blitzlesen“ mit gelernten Wörtern,

  • Zusammenlauten von ein- oder mehrsilbigen Pseudowörtern

oder

einzeln mit dem

  • Erlesen einzelner echter Wörter (bei denen die „Hürde“ des Dekodierens (=Verstehens) dazukommt),

  • Erlesen von Wortgruppen oder Sätzen,

  • Lesen von Büchern.

Kinder lesen Schatzkarte
Schüler im Klassenzimmer

Es muss also für jedes Kind passendes Lesematerial in der Klasse geben, als weitere Schritte etwa:

  • mehrsilbige Kärtchen,

  • Erstleseheftchen: einzelne Wörter,

  • Erstleseheftchen: Wortgruppen - Sätze - kurze Texte

 

... und in weiterer Folge Bücher in verschiedenen Schwierigkeitsstufen.

Lesematerialien frei zugänglich

In der Bibliothek

Wichtig ist, dass alle diese Lesemöglichkeiten für alle Kinder jederzeit frei zugänglich sind. Anfangs werden manche Kinder zu nicht „passenden“ Materialien greifen. Sich selbst einzuschätzen ist nicht einfach. „Zu leicht“ bedeutet aber auf Dauer „fad“, „zu Schwieriges“ ist nicht bewältigbar. Das wird jedes Kind durch Ausprobieren, auch individuell beraten von der Lehrperson, bald herausfinden. Nach kurzer Zeit wird es wissen, welches Leseangebot zu ihm „passt“.


Wie in Lesezeiten in der Schule muss auch bei Lesehausübungen die Bewältigbarkeit an erster Stelle stehen, denn „üben“ kann ein Kind nur, was es im Ansatz bereits verstanden hat.

Die Lehrperson ist Ansprechperson, Unterstützende, Mutmachende, Helfende.